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Sucht im Alter

© Willi Schönamsgruber
© Willi Schönamsgruber

Es ist kein neues Thema. Natürlich wissen wir seit Jahren, dass Suchterkrankungen nicht mit dem Eintritt in das Rentenalter beendet sind, sondern die Menschen auch über diese Altersgrenze hinaus begleiten und sie in ihren Lebenszusammenhängen mehr oder weniger einschränken. Das wissen sowohl die Mitarbeitenden in den Fachstellen für Sucht und Suchtprävention, aber auch die Mitarbeitenden in den Bereichen der ambulanten und stationären Altenhilfe bzw. Altenpflege.

Dass diesem Thema bisher kaum Beachtung geschenkt worden ist, hat sicherlich mit vielerlei Faktoren zu tun:

  1. Die Einnahme von Suchtmitteln kann sehr viel stärker im Verborgenen stattfinden, weil Menschen, die nicht mehr berufstätig sind, einfach weniger auffallen, als Menschen, die im Erwerbsleben stehen und allein wegen ihrer Ausfälle mehr Beachtung und mehr Intervention von Seiten des Arbeitgebers fordern.
     
  2. Folgeerscheinungen von Suchtmittelkonsum werden bei älteren Menschen eher als Folge des Alters interpretiert, als als Folge dieses Konsums, so dass häufigeres Fallen oder Rückzug aus sozialen Netzwerken eher als Folge von Gebrechlichkeit interpretiert werden.
     
  3. Bei älteren Menschen findet häufig ein Mischkonsum statt, d. h. neben Alkohol werden auch verordnete Medikamente und frei verkäufliche Präparate kombiniert eingenommen, so dass der Rückschluss auf die Folgewirkungen nur einer Substanz schwierig ist.
     
  4. Ältere und alte Menschen haben einen langsameren Stoffwechsel, so dass eingenommene Substanzen längere Zeit im Körper verbleiben und häufig bis zu ihrem endgültigen Abbau bereits das nächste Präparat eingenommen wird. Der hierdurch entstehende Sockel kann sich im Laufe der Zeit immer weiter erhöhen, so dass Wechsel- und Nebenwirkungen verschiedener Substanzen kaum einzuschätzen sind.
     
  5. Der Konsum von Alkohol in Kombination mit verordneten Medikamenten kann über Jahre im Verborgenen geschehen, so dass selbst Angehörige oder andere Menschen im Umfeld der Betroffenen dieses nicht zur Kenntnis nehmen oder aber stillschweigend hinnehmen.

Demografische Situation

Durch den Anstieg des Lebensalters in unserer Gesellschaft wird uns das Thema „Gesundheit im Alter“ künftig immer mehr beschäftigen müssen. Es geht hier zum einen darum, dass bei älter werdenden Menschen auch die berechtigte Erwartung besteht, dass auch das körperliche Wohlbefinden entsprechend länger anhalten soll. Altersbeschwerden sollen möglichst weit nach hinten geschoben werden.

Da inzwischen Gesundheit nicht mehr definiert wird als lediglich die Abwesenheit von Krankheit, sondern als ein Zustand des körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens muss auch die Frage des Umgangs mit bewusstseinsverändernden und -einschränkenden Mitteln neu bewertet und beantwortet werden.

Wir sehen uns hier zwei Herausforderungen gegenüber, die zum einen in der Erhaltung der Gesundheit im o. g. Sinne für die Betroffenen selbst liegen und zum anderen darin, Menschen dazu zu verhelfen, möglichst lange selbstständig, d. h. ohne oder mit nur wenig professioneller Hilfe auszukommen. Wenn der Betreuungs- und Pflegeaufwand später einsetzt, können knapper werdende Ressourcen im finanziellen, aber auch im personellen Kontext gezielter dort eingesetzt werden, wo sie gebraucht werden.

Viele ältere Menschen bleiben bis kurz vor ihrem Lebensende aktiv und völlig unabhängig. Andere wiederum müssen sich mit dementiellen Erkrankungen, Krebs, Depressionen und Herz-Kreislauf­erkrankungen auseinandersetzen. Diese Heterogenität macht deutlich, dass es differenzierte Altersbilder geben muss. „Diese müssen Aspekte der Verletzlichkeit, Gebrechlichkeit und Endlichkeit vor allem im hohen Alter integrieren und gleichzeitig die persönlichen Kompetenzen sowie ideellen und wirtschaftlichen Ressourcen älterer Menschen angemessen berücksichtigen. Die gesellschaftlichen Altersbilder wie auch die Einstellung des sozialen Umfeldes wiederum beeinflussen den individuellen Alterungsprozess bzw. die Situation älterer Menschen“ (vgl. Diakonisches Werk der Evang. Kirche in Deutschland e.V. (Hrsg.): Sucht im Alter - Herausforderungen und Lösungswege für diakonische Arbeitsfelder, Diakonie-Texte/Arbeitshilfen 09/2008, Stuttgart 2008, S. 6).

Hier wird deutlich, wie vielschichtig mit dem Thema „Altern“ umzugehen ist und wie differenziert auch die Auseinandersetzung mit Fragen der Suchterkrankung erfolgen muss.

Wollen wir Menschen dazu verhelfen, ohne Suchtmittel bzw. abhängig machende Medikamente zu leben oder die Substanzeinnahmen zumindest zu reduzieren, um die Lebensqualität und somit auch die Teilhabemöglichkeiten an der Gesellschaft zu erhöhen, bedarf es eines Angebotes, in dem möglichst viele, die in diesem Feld aktiv sind, eingebunden werden.

Das Diakonische Werk evangelischer Kirchen in Niedersachsen e. V. wird deshalb ab Juli 2015 an drei unterschiedlichen Standorten Projekte mit den vor Ort beteiligten Einrichtungen und Personen durchführen, um Erfahrungen darüber zu sammeln, welche Angebote älteren betroffenen Menschen und deren Angehörigen gemacht werden können.

Unter dem Titel „Sucht im Alter - Aufbau von Kompetenznetzwerken zur Intervention bei substanzbezogenen Abhängigkeiten im Alter“ sollen an den Standorten Stadt und Landkreis Osnabrück, Stadt und Landkreis Celle, Region Diepholz-Sulingen-Freistatt parallel Erfahrungen im Aufbau von miteinander vernetzten Hilfesystemen gemacht werden.

Konkret geht es darum, kirchliche und diakonische Einrichtungen aus den Bereichen Alten­hilfe/Al­tenpflege, Suchtberatung und Suchtselbsthilfe, Kirchenkreissozialarbeit in diesem Netz zu integrieren und darüber hinaus weitere Agierende wie Ärzte, Apotheker, Verantwortliche aus Kirchengemeinden und Krankenhaus­seelsorger mit einzubinden.

Ziel dieser Projekte ist zum einen, sich für das Thema Sucht sensibilisieren zu lassen und Möglichkeiten der Intervention beim Verdacht von Abhängigkeit miteinander abzustimmen.

Insbesondere wird hier der regelmäßige fachliche Austausch zwischen ambulanter und stationärer Altenpflege und Suchtberatung im Fokus stehen. Idealerweise lassen sich auch die Betroffenen im Netzwerk ansprechen, die noch in ihrem sozialen Umfeld leben und mit wenig oder noch keiner Betreuung bzw. Pflege selbstständig ihr Leben gestalten können.

Die Projektlaufzeit beträgt zwei Jahre und soll Mitte 2017 mit einem Abschlussbericht und der Veröffentlichung der evaluierten Daten abgeschlossen werden.

Unser Bestreben wird sein, diese Netzwerke möglichst über diese zeitliche Begrenzung hinaus  fortlaufen zu lassen und an anderen Standorten vergleichbare Angebote aufzubauen. Koordiniert und begleitet werden die drei Projekte von einer Moderatorin, die in enger Abstimmung mit den Referenten für Altenhilfe und Pflege und Suchtfragen den Aufbau und die Entwicklung dieser Netzwerke begleiten wird.

 

 

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