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Drei Mädchen sitzen hintereinander, schauen nach vorne in die gleiche Richtung
Foto: Jens Schulze

„Für Kinder und Jugendliche sind fünf Monate eine unendlich lange Zeit.“

Interview mit Daniel Müller, Leiter der Evangelischen Elise-Averdieck-Schulen Rotenburg

Von der Corona-Krise waren Schulen besonders betroffen. Langsam dürfen sie nun wieder öffnen. Wie sah die Situation während der Schließung aus und welche Herausforderungen gab es nach der Öffnung? Darüber haben wir mit Daniel Müller, Leiter der Evangelischen Elise-Averdieck-Schulen Rotenburg gesprochen.

Wie haben Sie Kontakt zu den Schüler*innen gehalten, als die Schulen geschlossen waren?

Auf unterschiedlichen Kanälen: via Telefon, Videokonferenzen, e-mail.

Was war dabei die größte Herausforderung?

Die größte Herausforderung war zunächst die Infrastruktur so zu gestalten, dass mit allen Schüler*innen Kontakt aufgebaut werden konnte. Da die technischen Voraussetzungen sehr unterschiedlich sind, mussten individuelle Lösungen gefunden werden. Da viele Schüler*innen aus dem ländlichen Raum kommen, ist z.B. die Datenübertragung nicht immer gewährleistet, bzw. stabil. Auch besitzen nicht alle einen PC/Notebook, mit dem sie an Videokonferenzen teilnehmen können. Ein internetfähiges Handy ist zwar in den meisten Fällen vorhanden, aber darüber an Videokonferenzen teilzunehmen, ist dauerhaft nicht zumutbar.

Eine weitere Herausforderung ist natürlich die Gestaltung des digitalen Fernunterrichtes durch die Kolleg*innen, die damit bis dato noch nicht konfrontiert wurden. Der persönliche Kontakt und das Unterrichtsgespräch in der Klasse, die beide im pädagogischen Ausbildungskontext zentrale Elemente darstellen, können nicht durch digitale Medien ersetzt werden.

Welche Risiken sehen Sie im langen Ausfall der Schule?

Bei diesem Thema bin ich relativ entspannt. Unterricht besteht nicht ausschließlich aus der Aneignung von Wissen, sondern ein großer Teil besteht immer auch aus Übungsphasen, Vertiefungsphasen und verschiedenen Gruppenbildungselementen.

Lediglich für die Abschlussklassen, die keinen weiteren Unterricht mehr haben werden, entstehen kleinere Lücken. Da aber der Großteil der Ausbildung nach Plan verlaufen ist, sind diese Lücken zu verschmerzen.

Was allerdings für unsere Schüler*innen ein großer Verlust ist, ist der Ausfall der Zeiten der berufspraktischen Ausbildung. Hier werden deutliche Lücken sein, die erst im Berufsleben kompensiert werden können, was den Berufseinstieg erschweren könnte.

Welche Fragen beschäftigen die Schüler*innen? Welche die Lehrer*innen?

Zunächst bestand eine grundsätzliche Verunsicherung bei Schüler*innen und Lehrkräften, wie lange es dauern wird. Daraus entstand natürlich die Frage bei den Schüler*innen, ob Aufgaben im Home-schooling verbindlich gemacht werden müssen, wie Bewertungen vorgenommen werden, oder die Zeit einfach unter verlängerte Ferien verbucht werden kann. Umso länger die Schulschließung dauerte, umso klarer zeigte sich aber auch, dass es sich um Unterricht in einer anderen Form handelte, der gerade auch von den Schüler*innen immer ernster genommen wurde. Eine große Frage ist weiterhin, wie die berufspraktische Ausbildung für die Sozialpädagogischen Assistent*innen und Erzieher*innen im nächsten Schuljahr aussehen kann, wenn Einrichtungen der Kinderbetreuung nicht wieder im vollen Umfang geöffnet haben. Darauf gibt es zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Antwort.

Wie läuft der Unterricht nach der Öffnung bei Ihnen ab?

Je nach Klassengröße führen wir den Unterricht in geteilten Klassen durch, in denen die Schüler*innen entweder wochenweise zur Schule kommen oder die Halbklassen in unterschiedlichen Räumen parallel unterrichtet werden. Bei kleineren Klassen haben wir im gesamten Klassenverband unterrichtet, allerdings in den großen Funktionsräumen und nicht in den regulären Klassenräumen, sodass der Abstand gewahrt werden kann.

Auffallend ist, dass die Schüler*innen sich große Mühe geben, die Hygieneregeln einzuhalten, solange sie im Unterricht sind. Im Pausenbereich werden diese dann gerne mal vergessen und auf den Schulwegen wird das Abstandsgebot nicht eingehalten. Das liegt schlicht und ergreifend auch daran, dass wir ein großes Einzugsgebiet haben, aus dem die Schüler*innen mittels Fahrgemeinschaften zur Schule kommen. Sie können es sich zum Teil nicht leisten alleine zu fahren und öffentliche Verkehrsmittel sind im ländlichen Raum immer noch nicht so gut, dass damit die Schule mit angemessenem zeitlichen Aufwand erreicht werden kann. Außerdem bilden wir Erzieherinnen und Erzieher aus, für die qua ihres Berufszieles sozialer Austausch eine große Rolle spielt - auch im Zeitalter von socialmedia.

Aus organisatorischer Perspektive gibt es viel zu bedenken und immer wieder Situationen, in denen spontanes, flexibles Handeln erforderlich ist. Gerade die Raumfrage ist ein großes Thema, da die Funktionsräume zur Zeit Klassenräume sind, somit nicht für alle Klassen nutzbar. Aber auch der Arbeitsaufwand der Kolleginnen und Kollegen ist deutlich höher, da sie nicht nur Präsenzunterricht zu gestalten haben, sondern auch für die im home schooling sich befindenden Schüler*innen sinnvolle Aufgaben erstellen müssen, die dann auch noch zeitintensiv zu korrigieren sind. Diese Doppelbelastung ist nicht auf Dauer zu leisten, sodass eine Rückkehr zum normalen Präsenzunterricht für alle zwingend geboten ist. Ansonsten wird es mit Sicherheit problematisch, den Bildungsauftrag adäquat zu erfüllen.

Fühlen und fühlten Sie sich von Bund und Land ausreichend informiert?

Die außergewöhnliche Situation hat sicherlich alle stark herausgefordert, so auch die Politiker. In einer solchen Situation kann man als Politiker nur nach bestem Wissen und Gewissen handeln, sodass niemals alle Fragen befriedigend geklärt werden können. Die kurzen Intervalle, für die Erlasse, Rundverfügungen und Verordnungen in den letzten Monaten Gültigkeit hatten, sind in den rechtlichen Strukturen und den fundamentalen Eingriffen in Grundrechte begründet. Hier kann nicht längerfristig informiert werden. Insofern war immer klar, wann eine neue Rundverfügung kommen wird, die es dann umzusetzen galt. Dass diese immer freitags Nachmittag oder am Wochenende erschienen, machte den Zeitraum für die Umsetzung natürlich sehr kurz. Aber auch das haben wir sicherlich alle gut gemeistert. Wichtig in der ganzen Situation war für mich, dass nicht zu viele Informationen vorab über die Medien kolportiert wurden, bevor die Rundverfügungen etc. in den Schulen angekommen sind. Denn das führt zu Verunsicherungen bei Lehrkräften, Schüler*innen und Eltern aber auch Schulleitungen, die dann unter einen hohen Handlungsdruck geraten. Aber das lief aus meiner Sicht weitestgehend gut, sodass die Informationen gut dosiert und ausreichend waren.

Welche Unterstützung hätten Sie sich gewünscht?

Ich hätte mir gewünscht, dass die Kinder, Jugendlichen und Auszubildenden in ihren Bedürfnissen und ihrem Recht auf Bildung stärker in den Fokus gestellt worden wären. Lange Zeit waren sie eine wenig beachtete Gruppe, standen wirtschaftliche Fragen und jene des Infektionsschutzes im Mittelpunkt. Dass Heranwachsende jedoch in hohem Maße auf soziale Kontakte für eine gesunde Entwicklung angewiesen sind, ist kaum bedacht worden. Hier hätte ich mir deutlich mehr Einsatz Seitens der Politik gewünscht, um Konzepte zu entwickeln, die diesem Teil der Gesellschaft Rechnung tragen. Infektionsschutz ist sicherlich wichtig, aber darüber hinaus darf nicht vergessen werden, dass Leben retten nicht dazu führen darf, lebenswertes Leben zu negieren. Für Kinder und Jugendliche sind fünf Monate eine unendlich lange Zeit, viel länger als für uns Erwachsene.

Um also auf Ihre Frage zurückzukommen kann ich nur sagen, dass nicht ich mehr Unterstützung gebraucht hätte, sondern die Kinder und Jugendlichen, unsere Auszubildenden!

Kontakt

Diakonisches Werk evangelischer Kirchen in Niedersachsen e.V.
Ebhardtstr. 3 A, 30159 Hannover
Telefon: +49 511 3604-0, Telefax: +49 511 3604-108
geschaeftsstelle(at)diakonie-nds.de

Öffnungszeiten: Mo.-Do.: 7 - 17 Uhr, Fr.: 7 -14 Uhr

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