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Weihnachtspaket wird ausgepackt
Foto: Schwarzes Kreuz

„Menschen sind mehr als ihre Straftat

Briefwechsel mit Inhaftierten

„Ich lasse mir beim Auspacken der Geschenke viel Zeit“, erzählt ein Inhaftierter dem Geschäftsführer der christlichen Straffälligenhilfe 'Schwarzes Kreuz'”, Otfried Junk. Für viele Inhaftierte sind die Weihnachtspakete etwas Besonderes. 1456 Pakete wurden im Jahr 2020 an Gefängnisse bundesweit verschickt. Es ist ein kleines Genusspaket mit z.B. Weihnachtsgebäck, Süßigkeiten, Kaffee oder Tabak. „Die Weihnachtspakete werden nicht direkt an Inhaftierte geschickt. Alles geschieht anonymisiert“, sagt Otfried Junk. „Gerade in der Weihnachtszeit fühlen sich Inhaftierte oft noch einsamer und verzweifelter. Da ist die Freude groß, wenn jemand an einen gedacht hat“, so Junk. Es ist in aller Regel das einzige Geschenk, das sie bekommen. In fast allen Bundesländern dürfen aus Sicherheitsgründen keine Präsente von Angehörigen an Insassen versendet werden. Das gilt auch für Niedersachsen.

Seit 1925 unterstützt das „Schwarze Kreuz“ Straffällige und deren Angehörige. Neben hauptamtlichen Mitarbeitenden engagieren sich bundesweit Ehrenamtliche, um Inhaftierte und Haftentlassene durch Briefkontakte, Besuche oder Veranstaltungen wie Gesprächskreise zu unterstützen und zu begleiten. „Ehrenamtliche können einfach Zeit mit den inhaftierten Menschen verbringen, über Fußball oder das Fernsehprogramm reden. Sie wünschen sich ein Stück Normalität“, sagt Otfried Junk. „Der Kontakt zwischen Inhaftierten und Ehrenamtlichen ist keine Einbahnstraße. Die Perspektive von Menschen in Haft auf das Leben kann sehr wertvoll sein“, fügt Ute Passarge hinzu. Sie ist verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit und die Begleitung der Ehrenamtlichen. „Freiwillige Unterstützer*innen haben persönliche Beziehungen zu den Menschen in Haft und müssen keine fachliche Beratung leisten. Das ist ein großer Vorteil. Sie sollten aber auch ihre Grenzen kennen“, so Passarge.

Um Freiwillige bestmöglich in ihrem Ehrenamt auszubilden, gibt es zunächst ein persönliches Gespräch, um Fragen zu klären und zu schauen, welches Einsatzgebiet am besten passt. Über Studienbriefe und einen dreiteiligen Online-Kurs lernen Interessierte mehr über die „Lebenswelt Gefängnis“ kennen und werden auf ihr künftiges Ehrenamt vorbereitet. Trotz guter Einführungs-Seminare tauchen immer wieder Fragen auf. „Warum meldet sich niemand zurück? Wie soll man auf bestimmte Dinge reagieren?“, erzählt Passarge. „Manchmal haben beide Seiten unterschiedliche Erwartungen aneinander. Meist jedoch sind sie sehr zufrieden mit ihrem Briefkontakt und empfinden ihn als große Bereicherung ihres Lebens.“

Um Inhaftierte, Haftentlassene und Angehörige vor Ort in Celle zu begleiten, wurde 1988 vom „Schwarzen Kreuz“ das „Projekt Brückenbau“ ins Leben gerufen. Dort finden sie eine fachliche Beratung durch hauptamtliche Mitarbeitende, treffen jedoch auch Ehrenamtliche bei Gruppenveranstaltungen, wie z.B. im Kreativcafé mit wechselnden Kursangeboten: Adventsbasteln, Erste-Hilfe-Kurse oder Palettenmöbel selbst bauen. Bis zur Teilnahme ist es ein langer Weg. „Wenn Inhaftierte zum Kreativcafé kommen wollen, müssen viele Anträge gestellt werden. Die JVA muss zustimmen,“ sagt Holger Reiss, verantwortlich für die Celler Anlaufstelle für Straffällige „Projekt Brückenbau“. „Neue soziale Kontakte sind wichtig für Inhaftierte. Der Verlust sozialer Kontakte außerhalb des Gefängnisses ist kein seltenes Phänomen. Freundschaftliche Beziehungen können kaum entstehen, denn Haft bedeutet immer Isolation und Ausgrenzung. Im Kreativcafé können Inhaftierte neue Kontakte knüpfen.“

Nicht nur für Inhaftierte ist das „Projekt Brückenbau“ eine wichtige Anlaufstelle. „Viele Angehörige suchen das Gespräch. Was passiert in der JVA? Manche bitten uns in der JVA nachzuhaken, warum Insassen sich bei Angehörigen nicht melden“, gibt Reiss zu bedenken. Wenn Familienmitglieder in Haft sind, ist es für die Angehörigen oft eine enorme Belastung. „Sie müssen z.B. die Kosten für das Gerichtsverfahren tilgen oder haben Angst, wie andere reagieren, wenn sie erfahren, dass jemand aus der Familie im Gefängnis sitzt.“

Neben der Isolation und möglichem Schamgefühl, verlieren viele auch das eigene Selbstwertgefühl und gelebte Eigenverantwortung. „Das Gefängnis macht unselbstständig. Es gibt Berufsausbildungen und andere Angebote. Es ist sozusagen ein mundgerechtes Programm. Aber im Rahmen einer gewissen Entmündigung. Das Leben in Haft grenzt aus“, so Reiss. Deswegen bietet das „Projekt Brückenbau“ neben dem Kreativcafé auch Unterstützung bei der Entlassungsvorbereitung und Sprechstunden in der Justizvollzugsanstalt Celle an.

Anlaufstellen wie das „Projekt Brückenbau“ spielen nicht nur eine wichtige Rolle während der Haft, sondern auch bei der sozialen Eingliederung nach der Haftentlassung. „Je länger Entlassene in die Anlaufstelle kommen, desto größer die Chance, dass sie nicht wieder kriminell werden“, erläutert Reiss. Für viele ist der Übergang in ein Leben in Freiheit herausfordernd. „Ein Inhaftierter sagte mal zu mir: Wenn ich aus der Haft entlassen bin, beginnt meine Strafe“, erzählt Reiss. Nach der Haft beginnt eine unsichere Zeit. Die Angst, keinen Job oder keine Wohnung zu finden, aber auch von der Gesellschaft abgelehnt zu werden, ist bei vielen groß.

„Wenn Inhaftierte sich auf ihre Entlassung vorbereiten, schauen wir gemeinsam auf die Wohnungssituation, auf die Arbeit, aber auch auf Hobbies“, sagt Reiss. Das Übergangsmanagement beginnt rechtlich gesehen ein halbes Jahr vor der Entlassung und endet ein halbes Jahr danach. „Wir sind für die Menschen da, solange der Bedarf da ist. Hier ist jeder herzlich willkommen“, betont Reiss. „Es ist ein Erfolg, wenn Haftentlassene eine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen oder eine Wohnung gefunden haben. Umso wichtiger ist es, dass in der JVA die Weichen für ein Leben nach der Haft gestellt werden, sonst ist der Anfang sehr viel schwerer.“ Dass die Inhaftierten die Mitarbeitenden des „Schwarzen Kreuzes“ bereits aus dem Gefängnis kennen, sei nur ein weiterer Vorteil.

Nächstenliebe befreit - mit diesem Motto begegnen haupt- und ehrenamtliche Mitarbeitende des „Schwarzen Kreuzes“ Inhaftierten, Haftentlassenen und deren Angehörigen. Geschäftsführer Junk sagt: „Wir sind der Überzeugung: Menschen sind mehr als ihre Straftat. Wir wollen Delikte nicht verharmlosen. Jeder soll die Chance bekommen zu lernen, das eigene Leben neu auszurichten.“

Kontakt

Diakonisches Werk evangelischer Kirchen in Niedersachsen e.V.
Ebhardtstr. 3 A, 30159 Hannover
Telefon: +49 511 3604-0, Telefax: +49 511 3604-108
geschaeftsstelle(at)diakonie-nds.de

Öffnungszeiten: Mo.-Do.: 7 - 17 Uhr, Fr.: 7 -14 Uhr

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