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Lutz Heine
Lutz Heine

Besondere Herausforderungen in der Jugendhilfe

Die Corona-Krise ist für alle Menschen eine Herausforderung. Familien müssen beispielsweise angesichts der Schließung von Schulen, Kindergärten und Sportvereinen sowie den dazugehörenden Kontaktbeschränkungen mehr Zeit miteinander verbringen. Meistens gelingt dies, aber in solchen Zeiten können sich auch familiäre Konflikte verstärken. Wir haben mit Lutz Heine gesprochen. Als Geschäftsbereichsleiter ist er verantwortlich für den Bereich Jugendhilfe in der Pestalozzi-Stiftung in Burgwedel und ist gleichzeitig Geschäftsführer der Elisabethstift Jugendhilfe der Diakonie gGmbH in Salzgitter. Er berichtet über die derzeitigen Anforderungen in der Jugendhilfe sowie die wirtschaftlichen Fragestellungen, die ihn derzeit beschäftigen.

Lutz Heine, Sie sind in zwei diakonischen Einrichtungen verantwortlich für den Bereich der Jugendhilfe. Wie hat das Coronavirus in den letzten drei Wochen ihre Arbeit verändert?

Wir betreuen im stationären Rahmen junge Menschen in Wohngruppen, 5-Tage-Gruppen und Erziehungsstellen. Für diese Kinder und Jugendlichen sind ihre Gruppen und Profi-Familien ein Lebensmittelpunkt auf Zeit. Dieses „klassische“ Feld der Hilfen zur Erziehung wird fachlich erweitert und ergänzt durch teilstationäre Hilfen wie Tagesgruppen und Soziale Gruppenarbeit und natürlich durch den breit gefächerten Kanon an ambulanten Hilfen für Familien vor Ort in deren Lebenswelt. In all diesen Settings stellt uns die Pandemie vor gewaltige Herausforderungen.

In den stationären Hilfen ist es pädagogische Knochenarbeit, die Distanz- und Hygieneregeln zu üben und umzusetzen sowie den Alltag ohne Schulbesuch abwechslungsreich, strukturiert und anfordernd zu gestalten. Auch der Austausch mit den Eltern und Familien der jungen Menschen ist schwierig. Bei allen derzeit herrschenden Kontakt- und Bewegungsbeschränkungen sollen Konflikte, Frustrationen oder gar „Lagerkoller“ möglichst minimiert werden.

Die teilstationären Angebote sind als Tageseinrichtungen seit dem 16.03. geschlossen. Hier ist es Aufgabe der Mitarbeitenden, Kontakt zu den Familien zu halten, den oft ungewohnten, veränderten familiären Alltag aus der Ferne beratend zu begleiten, Konflikten vorzubeugen und nicht zuletzt den Kinderschutz im Auge zu behalten.

An dieser Stelle sei mit höchstem Respekt allen Mitarbeitenden in unseren Einrichtungen gedankt für ihren umsichtigen, besonnenen oft kreativen und phantasievollen Einsatz in dieser schwierigen Zeit. Es ist ein hohes Engagement in einem weiteren, ebenfalls systemrelevanten Bereich, der in der Öffentlichkeit oft wenig wahrgenommen und gewürdigt wird.

In der ambulanten Hilfe beraten und unterstützen Sie Familien mit vielfältigen sozialen Problemen. Welche Auswirkungen haben die Kontaktbeschränkungen und das Schließen von Schulen, Kindergärten, Sportvereinen sowie allen anderen sozialen Einrichtungen auf diese Familien?

Unsere Fachkräfte in der ambulanten Hilfe stehen ebenfalls vor besonderen Herausforderungen. Sie betreuen ihre ambulanten Klienten selbstverständlich unter Einhaltung der Hygieneregeln nach Möglichkeit weiter. Wenn die Familien dies gegenwärtig im direkten Kontakt nicht wünschen oder ermöglichen, wird mit ihnen über Telefonkontakte gearbeitet und beraten. In Fällen, in denen es z. B. um Kinderschutz, oft mit gerichtlichen Auflagen, geht oder die Komplexität der Problemlagen Präsenz erfordert, wird weiter im direkten Kontakt gearbeitet. Es liegt auf der Hand, dass in der gegenwärtigen Corona-Lage die Mitarbeitenden ein hohes Infektionsrisiko eingehen, auch wenn wir uns nach Kräften bemühen, ihnen Schutzmöglichkeiten an die Hand zu geben. Das soziale Stress-Level in diesen Familien ist sowieso meist erhöht und in der akuten Lage des „auf sich selbst Zurückgeworfenseins“ noch einmal verschärft, also umso mehr eine harte Anforderung für die Kolleg*innen. Auch vor ihnen einfach nur „Hut ab“ und eine Riesenanerkennung.

Ein kurzer Blick in die Zukunft. Auch bei Ihnen stellen sich gerade wirtschaftliche Fragen zur Refinanzierung Ihrer Einrichtungen. Was wünschen Sie sich von der Politik?

Der allererste Wunsch an die Politik ist, gesehen und wahrgenommen zu werden. In den stationären und teilstationären Hilfen sind die Entgelte fix und werden derzeit auch durchfinanziert.

Wie sich die Dinge mit zunehmender Dauer z. B. der Schließungen im Tagesgruppenbereich entwickeln und wie sich die kommunalen Träger dann positionieren werden, bleibt abzuwarten. Im ambulanten Bereich, der über Kontaktstunden-Entgelte, sog. Fachleistungsstunden, refinanziert wird, machen wir natürlich unmittelbar die Erfahrung, dass Stunden aufgrund der Corona-Situation teilweise nicht geleistet werden können und Entgeltzahlungen einbrechen. In diesem Bereich steuert jede Kommune und jeder Landkreis eigenständig und die meisten Jugendämter sind sicher ähnlich gefordert sich mit den diesbezüglichen offenen Fragen zu befassen und Ideen zu entwickeln, wie die bestehende Trägerlandschaft möglichst erhalten werden kann. Das bedeutet für uns in der realen Erfahrung, dass wir es mit einer Bandbreite von Regelungen zu tun haben: von unterstützend, großzügig und kulant bis hin zu nicht kommunizierend und wenig beweglich. Dass es unter diesen Bedingungen schwierig ist, diesen Bereich wirtschaftlich zu steuern und Prognosen für die Zukunft zu treffen, muss nicht weiter erläutert werden. Darin liegt der Zündstoff für existentielle Probleme in Einrichtungen. Also der zweite dringende Wunsch an die Politik: Bitte nehmen Sie diese Probleme, die schnell zu systemischen Erschütterungen, Verschiebungen und Defiziten in der Versorgung führen können, ernst und helfen Sie, dem vorzubeugen. 

Die Pestalozzi-Stiftung in Burgwedel und das Elisabethstift Jugendhilfe der Diakonie gGmbH in Salzgitter sind zwei von insgesamt 48 Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen im Bereich der Diakonie in Niedersachsen. Die Hilfeangebote sind im Achten Sozialgesetzbuch (SGB VIII) verankert und die Refinanzierung erfolgt über Entgeltvereinbarungen mit den kommunalen Kostenträgern.

 

 

Kontakt

Diakonisches Werk evangelischer Kirchen in Niedersachsen e.V.
Ebhardtstr. 3 A, 30159 Hannover
Telefon: +49 511 3604-0, Telefax: +49 511 3604-108
geschaeftsstelle(at)diakonie-nds.de

Öffnungszeiten: Mo.-Do.: 7 - 17 Uhr, Fr.: 7 -14 Uhr

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