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Ein Jahr Lockdown: Wir müssen das Soziale neu denken

Das soziale und gesellschaftliche Miteinander hat sich innerhalb des letzten Jahres radikal verändert. Covid-19 breitete sich in rasender Geschwindigkeit in Europa und damit auch in Deutschland aus. Die Bundesregierung sah sich am 16. März 2020 deshalb dazu veranlasst, strenge Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen zu erlassen und damit den ersten Lockdown in Deutschland zu verhängen. In Niedersachsen schlossen Schulen und Kindertagesstätten, Pflegeheime und Krankenhäuser wurden mit strengen Zugangsregelungen abgeschottet, soziale Einrichtungen und Beratungsstellen konnten nur noch eingeschränkt arbeiten.

„Bekannte soziale Probleme sind in der Pandemie schonungslos offengelegt worden. Insbesondere Kinder sowie kranke, behinderte und alte Menschen leiden unter den strengen Kontaktbeschränkungen. Die Versorgung der Wohnungslosen und Flüchtlingen ist im letzten Jahr an ihre pandemiebedingten Grenzen gestoßen. Viele Behandlungen von Kranken, auch in der Suchtkrankenhilfe, waren eingeschränkt“, fasst Hans-Joachim Lenke, Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrt in Niedersachsen (LAG FW) und Vorstandssprecher der Diakonie in Niedersachsen, die Auswirkungen der Pandemie zusammen.

Lenke bedankt sich bei der Gelegenheit ausdrücklich bei all den Menschen, die in dieser Zeit in den sozialen Einrichtungen und Diensten Großartiges geleistet haben: „Allein in der freien Wohlfahrtspflege in Niedersachsen arbeiten knapp 250.000 Hauptamtliche und mehr als 500.000 Ehrenamtliche. Ohne den beispielhaften Einsatz dieser Menschen, aber auch der Beschäftigten in den sozialen Einrichtungen der öffentlichen Hand und der privaten Träger wäre die Krise für viele Menschen weitaus schlimmer ausgefallen.“

Am 16. März 2020 hat die Bundesregierung den ersten Lockdown in Deutschland verhängt, um die Auswirkungen von Covid-19 einzudämmen. „Bei der breiten Mehrheit der Menschen in Niedersachsen sind die Auswirkungen der wirtschaftlichen Folgen angekommen. Das merken wir auch daran, dass unsere Beratungseinrichtungen mit anderen Fragestellungen konfrontiert werden. Es geht um Kurzarbeit und um Arbeitslosigkeit in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie. Zudem kommen auch immer mehr Menschen aus der ‚Mittelschicht‘ in die Beratungsstellen. Leider müssen wir wahrnehmen: Die Corona-Krise birgt die Gefahr für eine gesellschaftsdurchdringende Armutskrise“, so Hans-Joachim Lenke weiter.

Marco Brunotte, Vorsitzender des Vorstands des AWO Bezirksverbands Hannover e. V. und stellvertretender Vorsitzender der LAG FW, bekräftig dies: „Bei vielen Familien hat die Pandemie zu großen Existenznöten geführt - vor allem bei einkommensschwachen Familien. Wer vor Corona arm war, ist in der Regel durch Corona noch ärmer geworden, auch weil Neuanschaffungen und pandemiebedingte Mehrausgaben notwendig wurden, z.B. in Laptops für die Kinder im Homeschooling oder Hygieneausstattung. Das betrifft vor allem Familien. Digitales Lernen muss man sich auch leisten können. Dass Gelder einfach über die Jobcenter beantragt werden können, haben wir von Anfang an gefordert und sind froh, dass dies nun endlich möglich ist. Aber die Problemlagen von einkommensschwachen Familien werden nicht allein durch kurzfristige finanzielle Leistungen wie dem Corona-Kinderbonus behoben. Eine Neuauflage des Corona-Kinderbonus war gut und hilft jetzt akut - aber auf lange Sicht müssen wir grundsätzlich an die Probleme gehen, von der Kindergrundsicherung bis zu den Regelsätzen von Hartz IV.“

Seit einem Jahr ergreifen die Bundesregierung sowie die Landesregierungen weitreichende Maßnahmen, um die Corona-Pandemie einzudämmen. Bürgerinnen und Bürger sind seitdem aufgefordert, Abstand zueinander zu halten und Kontakte soweit wie möglich zu reduzieren. Kultur- und Sportveranstaltungen finden nur noch ohne Publikum statt. Einzelhandel und die Gastronomie sind ebenso wie Bildungseinrichtungen immer wieder von der befristeten Schließung bedroht.

„Zwölf Monate mit Corona-Beschränkungen haben Spuren in der Psyche der Menschen hinterlassen“, betont Hans-Joachim Lenke. „Das führt zur Mutlosigkeit und Resignation einerseits sowie andererseits auch zu Protesthandlungen, die unsere Gesellschaft zunehmend spaltet.“ Als besonders belastend empfinde er die eingeschränkten Kontakte von alten Menschen in Pflegeeinrichtungen. „Wir haben vor einem Jahr gleich zu Beginn der Pandemie in der Diakonie erleben müssen, wie in einem unserer Pflegeheime das Corona-Virus eingedrungen ist und in kürzester Zeit viele Menschen gestorben sind. Darüber sind wir bis heute tief betroffen. Besonders schwer für die Angehörigen von Sterbenden war und ist es, dass Abschiednehmen nur eingeschränkt möglich war. Dadurch entstehen seelische Verletzungen, die bleiben.“

Die Bestandsaufnahme von Hans-Joachim Lenke und Marco Brunotte macht deutlich, dass die Pandemie den deutschen Sozialstaat in den Grundfesten erschüttert hat. „Viele soziale Einrichtungen haben in den letzten Monaten ihre Leistungsfähigkeit unter schwierigen Bedingungen unter Beweis gestellt. Und trotz aller Anstrengung sind Menschen abgehängt worden und durchs Netz gefallen. Deshalb müssen wir den Sozialstaat gemeinsam neu aufstellen und der angespannten Finanzlage zum Trotz in das Soziale investieren! Das braucht neben Mut und Entschlossenheit auch gesellschaftliche Solidarität“, sagt Lenke.

Marco Brunotte ergänzt: „Jetzt ist der politische Wille gefragt. Die Politik muss Antworten auf die sozialen Herausforderungen finden. Hierfür benötigen wir Kapital, um jetzt wichtige Investitionen zu tätigen. Uns ist allen klar, dass die Corona-Krise eine enorme finanzielle Belastung für zukünftige Generationen bedeutet. Aber: Wenn wir jetzt am falschen Ende sparen und nicht in die Zukunft investieren, droht uns eine soziale Unwucht. Wir brauchen ein funktionierendes soziales Netz, um die Krise und deren gesellschaftlichen Folgen abzufedern.“

Positiv bewertet Lenke, dass viele Menschen in der Pandemie die Bedeutung des Sozialen neu entdeckt haben. „Ich bin dankbar für die vielen Nachbarschaftshilfen, die beispielsweise beim Einkaufen unterstützen und mobilitätseingeschränkte Menschen zum Impfen begleiten. Immer wieder hervorzuheben ist auch das bis über die Belastungsgrenze gehende Engagement der Mitarbeitenden in den sozialen Berufen. Hier bedarf es grundlegend einer Verbesserung der Rahmenbedingungen, damit die Sozialsysteme nicht kollabieren. Politik und Sozialwirtschaft sind gemeinsam gefragt, gute Lösungen zu finden.“

Lenke fordert zudem kurzfristige und pragmatische Lösungen für einen schnellen Ausbau von Test- und Impfkapazitäten: „Zentral ist, dass noch mehr getestet wird und dass wir zügiger und verlässlicher impfen. Insbesondere beim Impfen brauchen wir mehr Pragmatismus und Solidarität.“

Langfristig gedacht, müssen insbesondere die sozialen Sicherungssysteme, wie Hartz IV überarbeitet und die Kindergrundsicherung eingeführt werden, um so der Spaltung der Gesellschaft entgegenzuwirken. „Das Soziale muss eben neu gedacht werden“, konstatieren Hans-Joachim Lenke und Marco Brunotte.

Kontakt

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