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Hans-Joachim Lenke zu assistiertem Suizid

"Die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichtes hat mit einer ethischen Tradition gebrochen, die den Lebensschutz stark betont. Diese Tradition ist der christlichen Ethik über viele Jahrzehnte geschuldet, die menschliches Leben grundsätzlich und auch mit Einschränkungen für ein Geschenk Gottes hält und um Bejahung wirbt. Diesen Bruch nehmen wir zur Kenntnis und stellen uns der Aufgabe, mit unseren diakonischen Mitgliedern mögliche und praktikable Wege zu diskutieren. Denn es diskutiert sich abstrakt leichter und angenehmer, als wenn die konkrete Anwendung im Blick ist.

Das Urteil des BVG stellt die Menschen, die in Beruf und Familie mit dem Suizidwunsch konfrontiert werden, vor ein kaum lösbares Dilemma. Die entscheidende Weitung ist, dass es kein erkennbares physisches Leiden braucht, um einen assistierten Suizid zu wünschen. Uns treibt die Sorge um, dass in Deutschland Entwicklungen Einzug halten, wie wir sie in Belgien oder den Niederlanden sehen.

Wir fragen uns auch, ob und wie eine grundsätzliche Entscheidung für einen Suizid zu korrigieren ist, wenn z.B. eine Demenzerkrankung vorliegt und sich das Leben als beglückender erweist, als es vorher vorstellbar war.

Ebenso ist zu beachten, dass es bei einem Recht auf assistiertem Suizid auch Menschen geben muss, die konkrete Hilfe leisten. Eine Pflicht zur Assistenz wird es u. A. genauso wenig geben können wie eine Vergütung dieser Leistung. Berufsethische Regelungen stehen dem zurzeit entgegen.

Vermeiden möchten wir auf jeden Fall, dass Menschen mit Behinderung oder hohem Pflegebedarf sich als Last empfinden und ihrem Leben ein Ende machen wollen, um ihre Angehörigen finanziell oder pflegerisch oder betreuend zu entlasten.

Ich kann mir anders als das Bundesverfassungsgericht nicht vorstellen, dass allein der Wunsch nach Beendigung des Lebens ausreicht. Wie sehen Kriterien aus, die zu beachten sind? Wer soll das beurteilen? Dauerhaftes Leiden? Wie ist es mit psychischen Krankheiten? Wie geht man mit akuten Lebenskrisen um, die ja auch eine große Last sein können und in tiefe Verzweiflung führen können.

Wir haben Sorge, dass Krisen und Belastungen perspektivisch als nicht mehr notwendig zum Leben gehörend betrachtet werden. Leben wäre dann nur lebenswert, wenn es rund und gelingend ist. Gerade in der Diakonie haben wir aber oft mit Menschen zu tun, die akut in irgendeiner Weise beeinträchtigt sind - und meist trotzdem gerne leben. Wir wollen der Fiktion nicht Vorschub leisten, dass Krankheit, Behinderung oder Leid nicht zur menschlichen Existenz gehören.

Ich kenne aus langjähriger seelsorgerlicher Praxis Situationen, die so verzweifelt waren, dass Menschen die Beendigung ihres Leids wünschten. Das ist schwer zu tragen - für alle Beteiligten. Die enorme Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung hat da deutlich entlastet. Aber es bleiben Situationen, in denen dieser Wunsch stehen und offenbleibt - ein Dilemma! Helfen und Begleiten - bis wohin? Auf jeden Fall: nicht alleine lassen!

Es ist ein schwieriges Thema mit dem assistierten Suizid. Und mich treibt ganz persönlich der Widerspruch um, diesen Diskurs in einer Zeit zu führen, in der auf Intensivstationen um Leben gerungen wird und viele Menschen sterben - und viele hätten gerne noch gelebt. Das alles ist schwierig! Wir brauchen eine gesellschaftliche Willensbildung, wie wir an den Grenzen des Lebens miteinander umgehen. Das wird ein mühsames Ringen um einen gangbaren Weg. Aber dieses Ringen ist uns nun aufgetragen. Und dem stellen wir uns."

Kontakt

Diakonisches Werk evangelischer Kirchen in Niedersachsen e.V.
Ebhardtstr. 3 A, 30159 Hannover
Telefon: +49 511 3604-0, Telefax: +49 511 3604-108
geschaeftsstelle(at)diakonie-nds.de

Öffnungszeiten: Mo.-Do.: 7 - 17 Uhr, Fr.: 7 -14 Uhr

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