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Judith Rohde, Koordinatorin Notruf Mirjam
Judith Rohde, Koordinatorin Notruf Mirjam

Herkunft unter Verschluss

Das „Gesetz zum Ausbau der Hilfe für Schwangere und zur Regelung der vertraulichen Geburt“ ist vor 5 Jahren, im Mai 2014 in Kraft getreten. Seitdem ermöglicht es schwangeren Frauen in Not, ihr Kind anonym in einem Krankenhaus zur Welt zu bringen. So soll verhindert werden, dass Kinder unter lebensbedrohlichen Umständen heimlich zu Hause geboren werden. Im Interview zieht Judith Rohde, Koordinatorin bei Notruf Mirjam, ein erstes Resümee.

Frau Rohde, welche Neuerungen hat das Gesetz gebracht?

„Bei diesem Gesetz ist es so, dass nach vorausgegangener Beratung die Daten der Mutter von einer Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle aufgenommen werden. Diese Daten werden in einem versiegelten Umschlag im Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA).  aufbewahrt. Unter einem Pseudonym kann die Frau im Krankenhaus entbinden, das Kind wird dann in der Regel zur Adoption vermittelt. Dadurch, dass die Daten der Mutter zwar aufgenommen aber unter Verschluss gehalten werden, wird versucht sowohl dem Anonymitätswunsch der Mutter als auch dem Recht auf Kenntnis über die eigene Herkunft des Kindes nachzukommen. Wenn das Kind 16 Jahre alt ist, bekommt es das Recht auf Akteneinsicht, das heißt, es kann  erfahren, wer seine Mutter ist. Das löst eine der Problematiken von Babyklappen, dass diese Kinder nämlich niemals die Möglichkeit haben ihre Herkunft zu erfahren.“

Warum entscheiden sich die Frauen nicht für eine normale Adoption?

„Im Vorfeld soll ein Beratungsgespräch stattfinden damit die Frauen gar nicht unbedingt eine vertrauliche Geburt wählen. Sie sollen sich überlegen, ob es nicht doch Möglichkeiten gibt, mit dem Kind zu leben und was gegen eine reguläre Adoption spricht. Erst wenn alles andere nicht infrage kommt, wird das Gesetz zur vertraulichen Geburt angewendet. Viele Frauen erreicht  das Gesetz aber gar nicht mit den  Beratungsangeboten. Man muss immer im Blick haben, das sind Frauen, die ungewollt schwanger sind. Viele sind verzweifelt, verheimlichen oder verdrängen ihre Schwangerschaft, haben vielleicht zu spät gemerkt, dass sie schwanger sind und wollten oder konnten keinen Abbruch mehr machen. Diese Frauen waren ganz oft nicht beim Arzt, sie haben nie ein Ultraschallbild gesehen, sie wissen überhaupt nicht wann das Kind zur Welt kommt und werden dann von der Geburt überrascht. Manche negieren die Schwangerschaft und schaffen es sie psychisch so auszublenden, dass der Bauch auch nicht wächst. Diese Frauen gehen vorher nicht in die Beratung.“

Warum ist die Beratung vorher so wichtig?

„Wenn im Vorfeld keine Beratung stattgefunden hat, ist es keine vertrauliche, sondern eine anonyme Geburt. Dann können die Daten der Mutter nicht vertraulich aufgenommen  werden. Für das Kind bedeutet das, dass es keine Chance haben wird zu erfahren, wer seine Mutter ist.

Auch für die Kliniken kann es ein Problem werden. Wenn eine Frau ins Krankenhaus kommt und sich erst dort zu einer vertraulichen Geburt entschließt, muss das Klinikpersonal auf die Schnelle eine Beraterin finden. Was natürlich gerade nachts oder am Wochenende ein Problem ist. Das heißt, die Beratung findet in der Regel nicht statt. In so einem Fall ist die Geburt anonym, nicht vertraulich. Für die Krankenhäuser bedeutet das, der Bund übernimmt die Kosten nicht, für das Kind, dass es keine Informationen über seine Mutter gibt. Es wäre daher sinnvoll einen Bereitschaftsdienst für Beraterinnen einzurichten, damit die notwendige Beratung auch spontan stattfinden kann.“

Von wie vielen Frauen wird die vertrauliche Geburt in Anspruch genommen?

„In Deutschland gab es seit Einführung des Gesetzes rund 570 vertrauliche Geburten und circa 2200 entsprechende Beratungsgespräche. Es scheint also eine Nachfrage nach anonymen Formen der Kindesabgabe zu geben. Es ist aber eben auch die Frage, ob nicht das Angebot eine Nachfrage bewirkt. Dass Frauen also, die vielleicht eine reguläre Adoption gewählt hätten, den niedrigschwelligen Weg der vertraulichen Geburt gehen.“ Das würde bedeuten, dass dieses Angebot noch mehr Kinder schafft, die mit unbekannter Herkunft aufwachsen.

Hat die Regelung noch weitere Schwachstellen?

„Die Namen der Väter werden nicht aufgenommen, was bedeutet, das Kind hat nie die Möglichkeit zu erfahren, wer sein Vater ist. Das ist für ein Kind aber auch wichtig. Nicht nur zu wissen wer die Mutter ist, sondern eben auch wer der Vater ist.“

Wie bewerten Sie das Gesetz insgesamt?

„Das Gesetz ist schon gut, weil es für die Frauen ermöglicht unter entsprechenden medizinischen Umständen ihr Kind zur Welt zu bringen. Unser Wunsch ist es aber, dass Frauen mit Anonymitätswusch von den Beratungsangeboten im Vorfeld Gebrauch machen, deswegen haben wir damals bei Notruf Mirjam auch ein Netzwerk geschaffen. Unter diesen Angeboten gibt es einen  24-Stunden-Notruf, bei dem die Frauen sich auch anonym melden können; wir haben ein Notzimmer, in dem Frauen wohnen können, wenn sie zum Beispiel ihre Schwangerschaft verheimlichen müssen;  wir haben die Adoptionsvermittlungsstelle, die Schwangerschaftskonfliktberatung des evangelischen Beratungszentrums in Hannover , die eben auch die Beratungen zur vertraulichen Geburt anbieten.

Besonders wichtig ist aber auch, das Thema insgesamt zu enttabuisieren. Das man den Frauen klar macht - und dafür auch öffentliche Akzeptanz schafft - dass eine ungewollte Schwangerschaft ganz vielen Frauen passieren kann. Dass es eben kein Problem ist, wenn man ungewollt ein Kind bekommt und es auch kein Schande  ist, wenn man das Kind zur Adoption gibt.“

Unter der Telefonnummer: 0800-60 500 40 können sich Schwangere und Mütter zu jeder Zeit an Notruf Mirjam wenden - auch anonym.

Interview: Laura Pagel

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