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Rainer Helmers
Rainer Helmers

Mit Corona-Updates werden alle informiert

Seit bald 140 Jahren gibt es im ostfriesischen Rhauderfehn ein diakonisches Zentrum: das Reilstift. In seiner Geschichte wurde es für unterschiedliche soziale Aufgaben genutzt. Seit 40 Jahren ist es eine Einrichtung der Altenhilfe. Heute gehören zwei Pflegeheime mit 237 Pflegeplätzen, zwei Tagespflegen (30 Plätze) und ein ambulanter Pflegedienst (400 Kunden) dazu. Eine Situation wie im Moment - mit weitreichenden Kontaktbeschränkungen wegen der Corona-Pandemie - gab es in dieser langen Geschichte noch nicht. Wir haben darüber mit Rainer Helmers gesprochen. Er gehört zum Leitungsbereich der Einrichtung mit 380 Beschäftigten und 20 Auszubildenden. Helmers ist dankbar für die große Unterstützung, sorgt sich aber auch um seine Bewohner und Kunden, die Angehörigen sowie seine Mitarbeitenden. Mit regelmäßigen Corona-Updates informiert die Einrichtung im Internet und auf Facebook Mitarbeitende, Kunden und Angehörige.

Herr Helmers, wie geht es Ihnen und ihren Mitarbeitenden? Wie haben Sie sich auf die derzeitige Situation eingestellt?

Die Ereignisse der letzten Wochen haben erhebliche Auswirkungen auf unsere diakonische Arbeit in der Altenhilfe. Wir mussten aufgrund der behördlichen Anordnungen die beiden Tagespflegen sofort schließen und die dadurch notwendige ambulante Versorgung zusätzlich organisieren. In vielen Haushalten ergeben sich dadurch im Moment erhebliche Versorgungsprobleme. Angehörige können die Pflege nicht immer ausreichend über den ganzen Tag sicherstellen. Es ist unklar, wann wir die Tagespflegen wieder öffnen können. Im ambulanten Bereich ist Situation differenziert. Einerseits werden Pflegeeinsätze abgesagt, weil Angehörige durch Kurzarbeit oder Freistellung Aufgaben besser übernehmen können. Gleichzeitig besteht auch eine große Unsicherheit, ob nicht gerade durch die Pflegerinnen und Pfleger ein Ansteckungsrisiko besteht. Auf der anderen Seite spüren wir den Druck der Krankenhäuser, dass Patienten schnell entlassen werden sollen, und wir haben neue kurzfristige Anfragen.

Besonders betroffen macht uns die Schließung der stationären Einrichtungen für alle Angehörigen und Besucher. Auch die zum Schutz der Bewohner getroffenen internen Maßnahmen belasten zusätzlich. Dazu gehört beispielsweise, dass sich unsere Bewohner nicht mehr auf den unterschiedlichen Stationen besuchen können oder dass unsere Pflegekräfte das Essen verteilen, damit das Küchenpersonal nicht in die Zimmer gehen muss. Uns bekümmert der Schmerz der Bewohnerinnen und Bewohner, die ihre Angehörigen, nicht mehr sehen und treffen können. Viele Angehörige waren täglich in der Einrichtung und leiden sehr unter der aktuellen Situation. Sowohl in der Bewohnerschaft als auch bei den Mitarbeitenden sind wir bisher von einer Covid-19- Erkrankung verschont worden. Das macht uns sehr dankbar. Die schrecklichen Ereignisse in anderen stationären Einrichtungen nehmen wir mit großer Betroffenheit auf. Besonders herausfordernd ist nach meiner Wahrnehmung die Spannung, unter der wir in allen Bereichen zurzeit arbeiten. Die Angst, als Mitarbeitender die Erkrankung ohne es zu ahnen an Risikopatienten weiterzugeben, ist für viele sehr belastend und emotional herausfordernd.

Wie informieren Sie die Angehörigen? Wie können diese derzeit Kontakt mit den Bewohnern in Ihren Einrichtungen halten?

Neben den klassischen Mitteln wie Angehörigenbriefen nutzen wir vermehrt auch Social-Media, um möglichst schnell Informationen weitergeben zu können. Über Facebook und Instagram erreichen wir regelmäßig eine hohe Anzahl von Mitarbeitenden, Angehörigen und andere Interessierte. Mit sogenannten Corona-Updates informieren wir über die aktuelle Entwicklung in den Einrichtungen und stellen auch dar, dass sich das Leben in den Einrichtungen zwar verändert, aber weitergeht. Verstärkt nutzen wir Video-Telefonie. Wir haben zwei Tablets angeschafft und ermöglichen auf diesem Weg sozialen Austausch. Es ist sehr berührend, wenn hier familiäre Kontakte möglich werden, die sonst ausbleiben müssten. In den letzten Tagen erreichen uns auch Spenden, sodass wir dieses Angebot ausbauen können. Uns freut sehr, dass diese Möglichkeit vermehrt in Anspruch genommen wird. Wir haben die Vermutung, dass diese Möglichkeit auch nach der Schließung verstärkt weiter genutzt wird.

Wie geht Ihr Umfeld in Ostfriesland mit der derzeitigen Situation um? Erfahren Sie viel Solidarität?

Es ist berührend, wie viel Solidarität wir im Moment auf ganz unterschiedliche Weise erfahren. Nach einem Aufruf erreichen uns Hunderte von selbstgenähten Mundschutzexemplaren, die wir in der Mitarbeiterschaft verwenden oder an Patienten im ambulanten Bereich weitergeben. Besonders schön sind auch liebevoll gestaltete Briefe oder Bilder von Kindern, die an die Gesamtheit der Bewohner gerichtet sind. Auch die örtliche Feuerwehr hat hierzu einen Aufruf gestartet und mehrfach ein großes Paket an selbstgebastelten Dingen und Grußbotschaften abgegeben, die wir auf den Wohnbereichen verteilt haben. Manche Bewohnerinnen und Bewohner haben mit Briefen geantwortet und auch etwas gebastelt. Ein örtlicher Käsehändler hat für alle Mitarbeitenden als Dankeschön ein Paket Käse übergeben, und ein großes Modehaus hat 30 Gutscheine für Beschäftige übergeben, die wir jetzt verlosen können. Das freut uns sehr und tut den Bewohnern und den Mitarbeitenden gleichermaßen gut.

Wenn Sie auf die kommenden Wochen schauen, was bereitet Ihnen Sorgen und was wünschen Sie sich als weitere Unterstützung?

Große Sorge bereitet uns aktuell der verhängte Aufnahmestopp für stationäre Einrichtungen. Die kurzfristig geschaffenen Kurzzeitpflegeplätze in Reha-Einrichtungen sind weit entfernt und meines Erachtens nicht in der Lage, auch dementiell veränderten Menschen ein adäquates Pflegeangebot zu unterbreiten. Hier müssen sehr kurzfristig Lösungen geschaffen werden. Auch bei den Besuchsregelungen müssen Möglichkeiten der Begegnung gefunden werden, ohne Menschen zu gefährden. So sinnvoll die derzeitigen Einschränkungen auch zum Schutz für alle Beteiligten sein mögen, stellt sich natürlich die Frage, wie lange dies noch so aufrechterhalten werden kann und soll. Die Trennung von Angehörigen kann und darf nicht dauerhaft erfolgen.

Ein großes Problem ist für uns die Versorgung mit ausreichender Schutzausrüstung. Hier müssen funktionierende Lieferwege hergestellt werden. Zukünftig sollte durch die zuständigen Behörden für eine ausreichende Vorratshaltung gesorgt werden. Dankbar sind wir für den Rettungsschirm, der für die Sozialwirtschaft aufgespannt wurde. Gleichwohl fordert uns diese Situation auch wirtschaftlich als Einrichtung der freien Wohlfahrt sehr heraus.

Kontakt

Diakonisches Werk evangelischer Kirchen in Niedersachsen e.V.
Ebhardtstr. 3 A, 30159 Hannover
Telefon: +49 511 3604-0, Telefax: +49 511 3604-108
geschaeftsstelle(at)diakonie-nds.de

Öffnungszeiten: Mo.-Do.: 7 - 17 Uhr, Fr.: 7 -14 Uhr

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