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Zwischen Platte und Plenum

Bundestreffen Wohnungsloser will zur Selbstorganisation ermutigen

Noch ein letzter Strich auf der Wandzeitung, dann ist das Programm für den Nachmittag perfekt. Zufrieden schaut David auf die Themen, die er und andere notiert haben und die in Arbeitsgruppen diskutiert werden sollen: Sozialer Wohnungsbau, medizinische Versorgung, Hilfe zur Selbsthilfe - alles Fragen, die Obdachlose, die auf der Straße leben, also "Platte machen", tagtäglich umtreiben. Beim bis Sonntag dauernden Bundestreffen Wohnungsloser im niedersächsischen Freistatt besteht die Chance, darüber in Gruppen zu diskutieren. "Hier können wir voneinander lernen", sagt David aus Leipzig.

Der 33-Jährige hat momentan eine Wohnung, war aber selbst schon obdachlos. Er ist einer von etwa 90 Männern und Frauen aus ganz Deutschland, die nach Freistatt gekommen sind. Unter dem Motto "Alles verändert sich, wenn wir es verändern", reden sie im dritten Sommercamp dieser Art darüber, wie eine bundesweite Plattform der Selbstvertretung wohnungsloser und ehemals wohnungsloser Menschen aufgebaut werden könnte.

Dabei geht es natürlich um so grundsätzliche Fragen wie die nach der Überwindung von Armut und Ausgrenzung in der Gesellschaft, beschreibt Koordinator Stefan Schneider (53) und fügt hinzu: "Wir wollen einen Freiraum schaffen, damit sich die Campteilnehmer selbstbestimmt betätigen können."

Das Wohnungslosentreffen ist ein wichtiger Baustein des Projektes "Förderung von Teilhabe und Selbstorganisation wohnungsloser Menschen" am Standort Freistatt der diakonischen Stiftung Bethel. Bis Februar wird es noch von der Aktion Mensch gefördert.

Alle Campteilnehmer sprechen sich mit Vornamen an. Ein Vorbereitungsteam hat Regeln festgelegt, die im Programm abgedruckt sind. "Rücksicht nehmen, aufeinander achten, Verantwortung übernehmen", heißt es da neben einem grün unterlegten Plus. "Keine Gewalt, keine Belästigung, keine Drogen", steht neben einem weißen Minus auf rotem Grund. "Hier kommt es auf die richtige Mischung zwischen Vorgaben und Freiräumen an", betont Schneider, der die Teilnehmer als "Selbstvertreter" bezeichnet.

Direkt neben dem Seminarhaus "Wegwende" übernachten sie auf Feldbetten in weißen Mannschaftszelten, die jetzt bei den tropischen Temperaturen zumindest tagsüber fast unerträglich heiß sind. Morgens geht es mit einem Plenum los, bei dem die Themen des Tages festgelegt werden. Workshops, Arbeitsgruppen und Ausflüge geben im weiteren Verlauf eine gewisse Struktur, sind aber in Form und Inhalt veränderbar.

Meist sind es hauptamtliche Vertreter der sozialen Arbeit, die über die Situation Wohnungsloser reden und sagen, was für sie gut ist. In Freistatt ist das anders. "Hier kann ich mich selbst zu Wort melden", sagt David, der die lockere und familiäre Atmosphäre lobt. Und wenn er seine Gedanken einer Gruppe präsentieren könne, sei das für ihn auch Selbstbestätigung: "Das ist einfach ein gutes Gefühl, wenn ich sagen kann: Ich hab das geschafft."

Die meisten hatten noch nie ein Mikrofon in der Hand, haben noch nie ein Gespräch moderiert, ein Protokoll geschrieben, ein Projekt geplant. "Wir schaffen den Raum, damit sie aus dem Quark kommen", bringt es Jürgen Schneider (54) auf den Punkt, selbst wohnungslos und Mitinitiator des Treffens. Für ihn ist aber auch klar, dass der Spaß während des einwöchigen Treffens nicht zu kurz kommt: "Ich passe auf, dass es nicht zu viel Pädagogik gibt. Mensch sein - das ist wichtig."

Dass es nicht einfach ist, eine vernetzte Selbsthilfe von und für Menschen zu formen, die mit ihrem Kampf ums Überleben auf der Straße, ihren Problemen und oft auch ihren Süchten tagtäglich vollauf beschäftigt sind, liegt auf der Hand. So gab es in der Vergangenheit auch nur wenige große und mehrtägige Versammlungen wohnungsloser Menschen. Dazu gehörten der "Vagabundenkongress" 1929 in Stuttgart, das "Berbertreffen" 1981 ebenfalls in Stuttgart sowie der "Kongress der Kunden und Vagabunden, Obdach- und Besitzlosen" 1991 in Uelzen. Und jetzt schon im dritten Jahr Freistatt.

Doch eine selbstbestimmte Lobby Wohnungsloser auf die Beine zu stellen, die politische Botschaften formulieren könne, das dauere länger als die Projektphase, die Aktion Mensch bezuschusse, meint Jürgen Schneider. Er hofft, dass es nächstes Jahr weitergeht. Dann möglicherweise vom 21. bis 28. Juli bei der Diakonie im oberbayerischen Herzogsägmühle.

Quelle: epd

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