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Foto: Werner Krueper Fotografie

„Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben.“

Pflege in Corona-Zeiten

Was hat sich in der Pflege durch Corona geändert? Wie geht es Menschen, die ihre Angehörigen Zuhause pflegen? Darüber haben wir mit Andrea Hirsing, Bereichsleiterin Pflege und Gesundheit, und Dagmar Henseleit, Referentin für Pflege, gesprochen.

Was sind in Ihrem Bereich die größten Herausforderungen durch die Coronakrise?

Henseleit: Am Anfang war eine deutliche Verunsicherung da - bei uns und in den Einrichtungen. Muss Schutzkleidung getragen werden? Reichen Masken? Müssen die Masken immer getragen werden? Die Empfehlungen und Verordnungen änderten sich praktisch täglich.

Hirsing: Am Anfang war nicht klar, welche Behörde Ansprechpartnerin für uns und unsere Einrichtungen ist. Auch bei den Behörden musste sich in der Krise orientiert werden, was ebenfalls zu Verunsicherungen geführt hat. In den Einrichtungen hatten viele das Gefühl, dass sie ein Spielball sind.
Wir sehen unsere Aufgabe darin, unsere Mitglieder mit Fakten zu informieren, damit sie in ihren Einrichtungen möglichst gut und sicher weiterarbeiten können. Im Moment geht es dabei vor allem darum, mitzuteilen, welche Verordnungen kommen und welche Lockerungen es geben soll - das sind Nuancen, da die Lockerungen vorsichtig umgesetzt werden müssen.

Wie gehen die stationären Einrichtungen damit um?

Henseleit: Die Verunsicherung nach den ersten Meldungen über Infektionsausbrüche in einigen stationären Einrichtungen war bei allen Beteiligten zunächst groß. Manche besorgten Angehörigen waren anfänglich über die Sicherungsmaßnahmen froh, haben dann aber schnell gemerkt, wie sehr Besuche und persönliche Nähe fehlen. Die Sorgen und Nöte der Angehörigen aufzufangen stellt die stationären Einrichtungen zurzeit vor besondere Herausforderungen. Die Hygiene- und Abstandsregeln einzuhalten ist besonders für Menschen mit Demenzerkrankungen sehr schwer und erfordert für die Pflegekräfte viel Fingerspitzengefühl, um die richtige Balance zwischen Distanz und Nähe zu finden. Manche Maßnahmen, die aus Sicht der Virologen sinnvoll und notwendig sind, stellen aus pflegefachlicher Sicht Risiken dar, die entsprechend in der Planung der Pflege zu berücksichtigen sind.

Hirsing: Viele sind auch auf ganz kreative Ideen gekommen, wie sie es ihren Bewohnerinnen und Bewohnern trotz der Besuchsverbote - die sich ja nicht die Heime selbst überlegt haben, sondern die angeordnet wurden - zu ermöglichen, mit ihren Familien und Freundinnen und Freunden zu kommunizieren. Sie nutzten dafür zum Beispiel Videotelefonie über Tablets, reichten Festnetztelefone weiter oder ermöglichten die Kommunikation durchs Fenster.

Wie sieht die Lage in der ambulanten Pflege aus?

Henseleit: Anfänglich war die Verunsicherung vor allem bei pflegenden Angehörigen groß. Inzwischen haben sich viele Routinen gut eingespielt, und es gibt in der häuslichen Versorgung nur wenige Infizierte oder Verdachtsfälle. Das Vertrauen kehrt zurück, und viele pflegebedürftige Menschen, die ihre Einsätze anfänglich aus Angst vor Ansteckung abgesagt haben, sind froh, dass sie wieder Unterstützung erhalten.

Hirsing: Es gab zu Anfang eine große Angst und Verunsicherung - es ist etwas passiert, was nicht normal ist, was es so noch nicht gab. Das wurde auch durch die mediale Berichterstattung geschürt, in der immer nur Fälle erzählt wurden, in denen es ganz schlecht ausgesehen hat. Corona ist nicht weg und wird uns auch noch lange begleiten, wir müssen lernen, damit zu leben und einen gesamtgesellschaftlichen, verantwortungsbewussten Umgang mit Corona in unseren Alltag einbinden.

Wie geht es Familien, deren Angehörige nun nicht mehr in die Tagespflege können?

Henseleit: Insgesamt ist die häusliche Pflege nicht genug im Fokus. Da gibt es auch einige Parallelen zu den Kitas: Im System sind vor allem Frauen. Sie sind im Homeoffice und sollen nebenbei ihre Angehörigen pflegen. Sie sollten analog zum Kindergeld ein Pflegegeld bekommen. Es sollte außerdem möglich sein, dass sie bei vollen Bezügen zuhause bleiben können. Wobei manche auch den Beruf als Entlastung brauchen.

Hirsing: Dafür gibt es sonst die Tagespflege. Die wurde aber geschlossen. Wir hören, dass für viele Angehörige die Belastungsgrenze bald erreicht oder schon überschritten wurde.

Henseleit: Es liegt ein gewaltiger Druck auf den Angehörigen, denn manche arbeiten wieder. Sie haben ihre Angehörigen sonst an 4-5 Tagen in der Tagespflege untergebracht. Nach mehr als zwei Monaten Schließung können die Tagespflegen unter Wahrung der Abstands- und Hygieneregeln wieder Gäste empfangen. Eine der größten Herausforderungen stellt der Fahrdienst dar. In Fahrzeugen, in denen früher 8 Menschen transportiert wurden, können nun nur noch 2-3 Personen sitzen. Manche Angehörigen fahren inzwischen selbst, aber es fehlen noch praktikable Konzepte, sollten die Abstandsregeln über lange Zeit Bestand haben.

Hirsing: Es gibt über 400 Tagespflegeeinrichtungen in Niedersachsen - die sind alle ausgelastet, und es werden mehr. Der Bedarf danach ist riesig. Früher war es eher eine nice-to-have Sache, damit der Pflegende mal einkaufen oder zum Friseur gehen kann. Mittlerweile ist sie für viele essenziell, es gibt den Betroffenen Struktur, Entlastung und Unterstützung.

Wie sehen Sie die Zukunft der Pflege nach und in der Krise?

Henseleit: Das ganze wird uns besonders in den Verhandlungen über den Pflegesatz begleiten. Da wird auf der Grundlage der diesjährigen Ergebnisse verhandelt. Dabei wird es aber große Verwerfungen geben, weil durch den hohen Krankenstand, die vielen Personen in Quarantäne sowie den Aufnahmestopp einfach keine realen Zahlen vorliegen können. Da wird es eine große Differenz geben.
Auch in der ambulanten Pflege wird es schwieriger. Der Aufwand ist im Moment viel höher. Sie müssen Schutzkleidung tragen, die unter Hygienebedingungen an- und ausgezogen werden muss. Das dauert länger, es gibt aber im Moment keinen Cent mehr dafür.

Hirsing: Da wird auch ganz schnell die Wirtschaftlichkeit infrage gestellt. Es ist noch nicht absehbar, was da auf uns zukommen wird.

Henseleit: Der Staat bemüht sich. Der Schutzschirm hilft vielen Einrichtungen, erstmal zu überleben. Einrichtungen, die vorher schon in einer Schieflage waren, hilft das aber nicht. Die kommen jetzt noch mehr ins Schlingern. Bisher musste aber zum Glück noch niemand Insolvenz anmelden.
Positiv ist, dass die Digitalisierung vorangebracht wurde. Der kollegiale Austausch findet über Video- oder Telefonkonferenzen statt. Das, was wir schon länger angedacht haben, mussten wir nun schnell umsetzen, und es funktioniert auch.

Hirsing: Wir merken aber, dass der persönliche Austausch nicht nur über Medien stattfinden kann. Das persönliche Gespräch fehlt. Gerade im Moment, da es einen großen Redebedarf gibt.

Henseleit: Corona wird uns noch länger begleiten, das heißt, dass wir auch kreativ werden müssen, wie wir für persönlichen Austausch sorgen können. Also zum Beispiel müssen mehr Treffen in kleineren Gruppen stattfinden, die Sitzungsräume müssen groß sein, damit der Abstand eingehalten werden kann.

Kontakt

Diakonisches Werk evangelischer Kirchen in Niedersachsen e.V.
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Telefon: +49 511 3604-0, Telefax: +49 511 3604-108
geschaeftsstelle(at)diakonie-nds.de

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