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Spendenzäune für die Armen

In vielen Städten in Deutschland entstehen derzeit sogenannte Spendenzäune. Lebensmittel, Kleidung und Hygieneartikel werden dort angehängt, um Obdachlosen und anderen Menschen in Not zu helfen. Volker Macke ist Redaktionsleiter beim Straßenmagazin Asphalt in Hannover. Was er von solchen Spendenzäunen hält, erzählt er im Interview.


Herr Macke, in Berlin gibt es inzwischen mehr als 20 Spendenzäune. Wie finden Sie diese Hilfsaktion? Gibt es so etwas auch in Hannover?

Noch gibt es einen solchen Zaun in Hannover nicht. Es gibt ganz aktuell eine Initiative der Grünen, einen solchen Zaun aufstellen zu wollen. Ich verstehe den Impuls dahinter gut. Menschen wollen helfen, gerade den Gestrandeten und Ärmsten. Ich kenne das aus anderen Städten, Bochum oder Darmstadt zum Beispiel. Da wird allerdings relativ wahllos und vor allem anonym alles Mögliche drangehängt. Nicht immer hilfreich, teils steckt sogar Verderbliches drin. In der Vergangenheit wurden solche bestehenden Zäune zudem schlecht ‚gewartet‘, manche wurden so zu Müllhalden.  

Also wäre es keine gute Idee, so etwas in jeder größeren Stadt zu starten, zum Beispiel in Hannover?

Ich bin da in der aktuellen Situation uneindeutig. Vor wenigen Wochen noch hätte ich einen solchen Zaun rundweg als unwürdig abgelehnt. Denn echte Hilfe für andere, egal wie sie leben, geht nur über das Wissen, was sie brauchen. Es braucht also Nähe, Gespräche, Augenhöhe. All das fehlt bei solchen Zäunen. Sie sind in normalen Zeiten nichts anderes als hilflose Almosenwirtschaft. Stellen wir demnächst Bettlern noch festinstallierte überdachte Bettelbecher auf die Straße? Zynisch wäre das geradezu. 

Nun aber ist Corona-Zeit. Und da ist alles anders: Die Nähe, das Gespräch, das gegenseitige Interesse am anderen Menschen, also die Grundlagen aller Diakonie, ist aktuell nur mit Mut und Gottvertrauen herzustellen. Nicht jeder kann das. Daher haben viele Organisationen zu gemacht, Tafeln darunter, auch Tagestreffs. Ein Zaun kann also in außergewöhnlichen Phase hilfreich sein. Ich würde aber verlangen, dass wir ihn nach der Krise bitte wieder abbauen und wieder zur Hilfe direkt am Menschen zurückkehren. In Hannover selbst gibt es noch Organisationen, die sich um die Obdachlosen kümmern, auch einige Einrichtungen haben noch geöffnet. Sie sind mit Mundschutz dicht dran an den Bedürftigen. Diesen Helfern genau das zu ‚liefern‘, was sie bei ihren Verteilaktionen brauchen, ist auch in der Krise sicherlich die bessere, die menschenwürdigere Alternative. Aber wie gesagt: Ein Zaun als Add-on in Corona-Zeiten kann hilfreich sein.         

Wo sollte so ein Zaun stehen?

Zentral natürlich. Und da, wo die Menschen ohnehin sind. In Hannover wäre das sicherlich vor oder hinter dem Bahnhof, Raschplatz oder Weißekreuzplatz wären auch geeignet. Hilfreich ist natürlich auch - da braucht es dann aber keinen Zaun, da reicht einfach anrufen und vorbeibringen - die Menschen in den Massenunterkünften direkt zu unterstützen.

Wenn jetzt jemand helfen möchte: Kann er einfach eine Tüte an irgendeinen Zaun hängen und die Aktion auch in Hannover starten oder müssen dafür erst offizielle Absprachen zum Beispiel mit der Stadt getroffen werden?

Also wenn Sie einfach irgendwas irgendwo an irgendeinen Zaun hängen, ist das ja letztlich Müll. Natürlich bräuchte es einen extra Zaun, extra Aufsicht darüber, extra Wartung, also jemanden der für Ordnung sorgt, die aufgerissenen Tüten wegräumt, die Verdorbenen Sachen entsorgt. Und dann müsste der Zaun in der Szene bekannt gemacht werden. Ohne die Stadtverwaltung geht da also gar nichts.    

Obdachlose haben es in Zeiten von Corona besonders schwer. Viele Obdachlose trauen sich nicht mehr in die Obdachlosenunterkünfte, weil sie Angst haben, sich dort anzustecken. Wie wird ihnen geholfen?

Zu wenig. Es braucht jetzt dringend einen außergewöhnlichen Konsens in der Verwaltung, sich vom bisherigen Denken zu lösen. So wie Zäune jetzt in der der Phase sinnvoll sein können, so muss die Stadt die großen Unterkünfte entzerren.  Sie muss schleunigst die jetzt leeren Hotels anmieten und mindestens die gesundheitlich besonders Gefährdeten unter den Obdachlosen dort vorübergehend unterbringen. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, was passiert, wenn beispielsweise im Alten Flughafen mit seinen zig dicht an dicht stehenden Betten Corona ausbricht. Das gibt Tote. Das wäre vermeidbar.

Wie schützen Sie die Asphalt-Verkäufer vor einer Ansteckung mit Corona? Beim Verkauf ist es ja gar nicht so leicht, zwei Meter Abstand zu halten?

Wir haben allen unseren 200 Verkäuferinnen und Verkäufern empfohlen, den Verkauf der Hefte einzustellen. Neue Hefte werden nicht mehr ausgegeben. Ein bereits fast fertiges Aprilheft wird es nicht geben. Erst im Mai wieder. Das heißt für uns Kurzarbeit und für unsere Verkäufer Isolation und Frustration. Finanziell helfen wir ihnen mit regelmäßig verteilten Einkaufsgutscheinen für Supermärkte über die Runden. Genau dafür sammeln wir gerade Spenden.   

Kontakt

Diakonisches Werk evangelischer Kirchen in Niedersachsen e.V.
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Telefon: +49 511 3604-0, Telefax: +49 511 3604-108
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