^
Navigation öffnen
Sven Quittkat, Britta von der Ohe
Sven Quittkat, Britta von der Ohe

Zeit für Freiräume? Aus dem Alltag einer Kita-Leiterin

Britta von der Ohe ist Leiterin der Kita Pusteblume, einer integrativen Kindertagesstätte mit Krippe in Hermannsburg. Die Kita hat Plätze für 83 Kinder, die von 15 Fachkräften betreut werden. Im Gespräch mit Sven Quittkat spricht sie über Freiräume für Kinder und warum zum Beispiel Jahresgespräche den Mitarbeitenden Freiraum verschaffen können.

Frau von der Ohe, was für Freiräume gibt es in der Kita und für wen?

Freiräume gibt es für alle. Wir sind zuerst dafür da, Freiräume für die Kinder zu schaffen. Freiräume fürs Spielen, fürs Lernen. Spielen ist das höchste Gut. Und wir beobachten. Was brauchen die Kinder noch? Wo sind sie gerade? Wie können wir unterstützen? Die Kinder wissen genau, wofür sie sich interessieren und was der nächste Schritt ist, wie sie etwas anpacken können. Wir schaffen hier den Raum für die Kinder, damit sie gestärkt werden. Denn Lernen hat mit Spaß und Freude zu tun. Und wenn es ihnen gut geht, dann lernen sie von ganz alleine.

Wir arbeiten mit einem offenen Konzept, das bedeutet, dass wir Funktionsräume haben. Wir haben zum Beispiel ein Bauzimmer, ein Traumzimmer und einen Bereich für die Kinder, die im nächsten Jahr zur Schule kommen. Denn sie brauchen andere Angebote und Impulse als die Dreijährigen. Dann haben wir einen Mal- und Werkraum, einen Bewegungsraum und ein Restaurant.

Die Kapla-Steine im Bauzimmer sind im Moment der Hit. Was die Kinder mit diesen Holzbausteinen bauen, das ist sensationell. Als sie die ganze Kiste verbaut hatten, mussten wir noch eine zweite kaufen. Bei diesen Steinen ist nichts vorgefertigt. Die Kinder haben so tolle Ideen. Und wenn die Kinder ein riesiges Gebilde gebaut haben und uns erklären, was es darstellt, kann man nur neidisch sein, dass Kinder noch so frei gestalten können.

Wo gibt es Freiräume für die ErzieherInnen?

Es gehört zu meinen Hauptaufgaben als Leitung, meine Mitarbeitenden im Blick zu haben und ihnen den Freiraum zu verschaffen, dass es ihnen gut geht. Es gibt Phasen, in denen sie sehr belastet sind, zum Beispiel in der Krippe, wenn Eingewöhnung ist, dann gibt es zehn neue Kinder, die alle fast gleichzeitig kommen. Oder wenn ein hoher Krankheitsstand ist und man sich gegenseitig vertreten muss. Oder private Dinge wie pflegebedürftige Eltern oder kranke Kinder. Solche Sachen spielen natürlich auch bei der Arbeit eine Rolle. Für uns ist ganz wichtig, dass wir davon wissen und versuchen, uns gegenseitig zu unterstützen. Doch die gesetzlichen Betreuungsregelungen müssen wir ja auch gewährleisten. Und manchmal ist die Not da und nicht der Freiraum. Das ist überall so.

An welchen Stellen können Sie dann Entlastung schaffen?

Zum Beispiel habe ich einmal für die zweite Hälfte eines Studientages eine Yogalehrerin eingeladen, und dann haben wir Entspannungsübungen gemacht. Das war letztes Jahr, nach der Grippewelle. Das kam bei den Mitarbeitern sehr gut an, sie haben sich gefreut. Es war auch als Überraschung von mir geplant. Sowas ist auch nicht alltäglich.
Eine andere Sache sind die Jahresgespräche. Ich weiß, wie viele Ängste da zu Anfang bei den Mitarbeitenden waren, weil sie die Sorge hatten, wie es mit den Zielvereinbarungen ist, wenn diese nicht erreicht werden. Aber nach dem ersten Jahr haben sie sich für diese Zeit bedankt. Sie haben erlebt: Es ist ein Luxus, den wir in unserer Arbeit ganz selten haben - eine oder zwei Stunden zu zweit zu sitzen und alles anzusprechen, was man ansprechen möchte. Das ist eine ganz, ganz wertvolle Zeit.

Sie bekommen als Leitung sicher andauernd die Probleme der verschiedenen Menschen auf den Schreibtisch.

Genau. Menschen sind aber keine „Zeitfresser“. Vielmehr habe ich gelernt, mir bewusst die Zeit für die Probleme zu nehmen. Denn die vermeintliche Störung durch die Mitarbeitenden, Eltern oder Kinder ist für die Betreffenden ein wichtiges Anliegen. Ich habe mir angewöhnt, auf die Frage „Hast du mal kurz Zeit?“ zu antworten: „Nein, aber ich nehme sie mir“. Manchmal muss man aber auch sagen: „Jetzt kann ich nicht, aber wir können gleich oder später sprechen.“

Was verhindert Freiräume bei Ihrer Arbeit?

Das Kitagesetz. Einige Regelungen dort sind veraltet und für mich persönlich ist es überholt. Für mich bleiben pro Gruppe fünf Stunden für Leitungstätigkeiten. Mit diesen Stunden kann man heute keine Kita mehr leiten. Früher gab es noch keine Öffentlichkeitsarbeit, keine Sprachkonzepte oder Jahresgespräche. Ich habe 22,5 Stunden in dieser Kita als Leitung und damit würde ich überhaupt nicht auskommen, um alle meine Aufgaben zu erfüllen. Ich muss also überall jonglieren. Die Aufgaben müssen erledigt werden, da fragt hinterher keiner. Ich muss mir die Zeit irgendwie nehmen oder so hinbekommen.

Ist das nicht frustrierend?

Nein. Ich gehe so gerne zur Arbeit, und das ist für mich ein Geschenk. Ich bin auch schon mal mit Bauchschmerzen zur Arbeit gegangen, früher, bei einer anderen Arbeitsstelle. Umso mehr weiß ich zu schätzen, was es für ein Geschenk ist, mit Freude zur Arbeit zu gehen. Das ist auch mein Antrieb. Ich möchte, dass es allen, die hier arbeiten, genauso geht.

Wie finden Sie die Idee vom Jahr der Freiräume?

Toll. Das hat mir so viel Inspiration gegeben. Alle meine Kollegen haben mein Lieblingsbuch „Zeit für Freiräume 2019“ bekommen. Das habe ich zu Weihnachten verschenkt. Ich persönlich denke darüber nach, was das für mich bedeutet: mir einen Freiraum schaffen, damit es mir besser geht.

Arbeiten wir in der Kirche oder Diakonie zu viel oder falsch?

Ich finde es erst einmal herausragend, dass ein Arbeitgeber so ein Motto vorgibt. Früher war es verpönt, sich Freiräume zu nehmen. Es war negativ belastet. Als wenn jemand einfach nicht arbeiten würde. Dass dieses Motto vom Arbeitgeber kommt zeigt, dass er fürsorglich mit uns umgeht. Das finde ich auch sehr tröstlich, weil man Belastungen mal ansprechen kann ohne dass es gleich heißt, man sei überbelastet und nicht mehr geeignet für die Arbeit. Das ist sehr wertschätzend. Beim Kirchenkreistag, bei dem ich Mitglied bin, haben wir die Einführung zum Jahr der Freiräume gehört, und einige Pastoren hatten dann solche Gedanken wie: „Freiraum? Eine Woche ins Kloster gehen? Wie soll ich das denn auch noch machen?“ Aber es sind doch die kleinen Sachen im Alltag, die anders sein können, wo man Freiräume schaffen kann.

Werden Sie in Ihren Jahresgesprächen am Ende des Jahres das Thema Freiräume aufnehmen?

Auf jeden Fall. Ich werde fragen, ob meine Mitarbeitenden Freiräume entdeckt haben oder noch welche brauchen. Ich benutze diesen Begriff jetzt so oft, der ist mir richtig ans Herz gewachsen.

Liebe Frau von der Ohe, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Kontakt

Diakonisches Werk evangelischer Kirchen in Niedersachsen e.V.
Ebhardtstr. 3 A, 30159 Hannover
Telefon: +49 511 3604-0, Telefax: +49 511 3604-108
geschaeftsstelle(at)diakonie-nds.de

Öffnungszeiten: Mo.-Do.: 7 - 17 Uhr, Fr.: 7 -14 Uhr

Seite empfehlen

Füllen Sie die Felder aus, und klicken Sie auf Senden, um diese Seite weiterzuempfehlen!

Code