Hans-Joachim Lenke, Vorstandssprecher Diakonie in Niedersachsen:
„Ein verpflichtendes Kita-Jahr vor der Einschulung kann einen wichtigen Beitrag zu mehr Chancengerechtigkeit leisten. Insbesondere Kinder, die bislang keinen Zugang zu einer Kindertagesstätte hatten, würden dadurch erreicht. Unabhängig von den Voraussetzungen im Elternhaus erhielten sie die Möglichkeit, frühzeitig an Bildungsangeboten sowie am gemeinschaftlichen Leben in einer Gruppe teilzuhaben. Dies kann ihre sprachliche, soziale und kognitive Entwicklung fördern und ihre Anschlussfähigkeit beim Übergang in die Schule deutlich verbessern. Diesen Grundgedanken begrüßen wir ausdrücklich.
Gleichzeitig müssen die Rahmenbedingungen für die Einführung eines verpflichtenden Kita-Jahres sorgfältig berücksichtigt werden. Zwar besteht derzeit vielerorts weiterhin ein Fachkräftemangel in Kindertageseinrichtungen, jedoch zeigen sich bereits regionale Unterschiede. Durch den demografischen Wandel sinken in einigen Kommunen die Kinderzahlen, sodass dort bereits Kita-Schließungen drohen oder teilweise schon erfolgt sind. Vor dem Hintergrund der Bildungsbedarfe von Kindern, die bisher keine Kita besuchen, ist diese Entwicklung kritisch zu betrachten.
Aus unserer Sicht geht es daher weniger um einen flächendeckenden Ausbau von Kapazitäten als vielmehr um die Gestaltung einer Übergangsphase sowie eine bedarfsgerechte Verteilung vorhandener Ressourcen. Eine besondere Herausforderung besteht dabei in der Fachkräftegewinnung und -bindung. Mit dem Ausbau der Ganztagsschulen eröffnen sich für pädagogische Fachkräfte zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten. Werden im Zuge eines verpflichtenden Kita-Jahres keine zusätzlichen personellen Ressourcen geschaffen, entsteht eine Konkurrenz zwischen den Systemen Kita und Ganztagsschule. Dies könnte dazu führen, dass Fachkräfte verstärkt in den Ganztagsbereich wechseln. Ein solcher Personalabfluss wäre zum Zeitpunkt der Einführung eines verpflichtenden Kita-Jahres nur schwer wieder auszugleichen.
Daher ist es erforderlich, die Einführung eines verpflichtenden Kita-Jahres mit wirksamen Maßnahmen zur Fachkräftegewinnung zu begleiten. Dazu gehören insbesondere noch attraktivere Anreize für die Ausbildung pädagogischer Fachkräfte sowie die verbesserte Förderung von Quereinstiegen in das Berufsfeld. Nur wenn ausreichend qualifiziertes Personal zur Verfügung steht, kann sichergestellt werden, dass die mit dem verpflichtenden Kita-Jahr verbundenen Ziele tatsächlich erreicht werden und die Qualität der frühkindlichen Bildung erhalten bleibt.“
